Offener Brief an die Organisatoren der CSD-Woche in Ratingen

Sehr geehrte Frau Palme, sehr geehrter Herr Dietrich,

ich möchte mich ganz herzlich für ihre Einladung zum diesjährigen CSD in Ratingen bedanken. Diese wurde nicht nur an mich, sondern an alle Ratsmitglieder verteilt. Sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich dieses Antwortschreiben als offenen Brief versende. In Ihrer Einladung war leider keine Absenderadresse angegeben.

Es ist natürlich jedem der von Ihnen angeschriebenen Personen unbenommen, an Ihren Programmen zur CSD-Woche teilzunehmen. Ich werde allerdings Ihrer Einladung nicht Folge leisten. Sexualität, das Bekenntnis zu irgendwelchen sexuellen Identitäten auch immer, erotische Partnerschaften, Lebensweisen und Gepflogenheiten sollten meiner Meinung nach im privaten, intimen Lebensbereich bleiben und kein Objekt der Politik und Politisierung werden. Der Staat und seine Institutionen haben im Schlafzimmer nichts zu suchen. Umgekehrt sind öffentlicher Exhibitionismus oder die Zuschaustellung schriller Kostümierungen und Lautäußerungen nicht jedermanns Sache. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten und ästhetisches Empfinden ist jeweils individuell ausgeprägt.

Wir leben erfreulicherweise (noch) in einer Zeit, die seit Jahrzehnten weitgehend befreit ist von irgendwelchen sexuellen Normen und Tabus. Lediglich die Strafvorschriften zum Tier- und Jugendschutz geben hier Leitplanken vor.  Ansonsten heißt es: Erlaubt ist, was gefällt, sofern die Interaktionen jeweils selbstbestimmt in freier Willensentscheidung erfolgen.  Eine Klage über vorgebliche Diskriminierung queeren Lebens als Gegenentwurf zur sogenannten „Heteronormativität“ (eine Wortschöpfung, die auch im Ratinger Rat geläufig ist) geht daher in Leere. Im Gegenteil: Das Leben in einer homoerotischen Partnerschaft ist eher eine gute Voraussetzung zum Aufstieg auf höchste Stufen der Karriereleiter in der Kommunalpolitik. Prägende Beispiele sind Thomas Kufen in Essen, Wowereit in Berlin, Ole von Beust in Hamburg und auch der neue grüne OB in München,  der am Wahlabend in aller Öffentlichkeit in rührender Weise von seinem bärtigen Partner liebkost wurde. Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen. – Schon vor Jahren hatte dieses Land einen schwulen Außenminister und Vizekanzler.

Travestie, Verwechselungsspiele und Rollentausch waren und sind von jeher ein beliebtes Thema in Kunst und Unterhaltung. Vor wenigen Tagen erst starb der begnadete Schauspieler Tim Curry. Seine Paraderolle war die des Transvestiten Dr. Frank N. Furter in der Musicalverfilmung „Rocky Horror Picture Show“, ein Streifen , der schnell zum Kultfilm avancierte. Bereits vor fünfzig Jahren war das Brechen sämtlicher gängiger Konventionen kein Grund für irgendeine Skandalisierung. Warum also die Aufregung heute?  Zwar gab es das Modewort „queer“ noch nicht, aber das Phänomen als solches war schon damals kein Stein des Anstoßes mehr.

Allerdings: Diese freie Lebensart ist jetzt massiv bedroht durch den importierten religiösen Fanatismus. Der tödliche jüngste Anschlag in Berlin,  der Mord und der Mordversuch in Dresden 2020 sind traurige Beispiele dafür, dass der Staat beim Schutz seiner Bürger zu nachlässig ist.  Aber auch das herausfordernde Auftreten selbsternannter islamischer Sittenwächter oder gar einer Schariapolizei würden eine robuste Reaktion seitens derer erfordern, die für unsere Sicherheit verantwortlich sind. Darauf warten wir bislang vergeblich.

Eine weitere Bedrohung erwächst aus einem prüden Puritanismus, der alles Mögliche unter Sexismus-Verdacht stellt und sanktionieren will.  Wir sind bislang eine freie Gesellschaft und unsere Freizügigkeit wollen wir nicht aufgeben. Unser Leitgedanke: Die Freiheit des Einzelnen endet erst dort, wo die Unfreiheit des anderen beginnt. Irgendwelche rot-grünen Sittenwächter können sich von mir aus selber disziplinieren, sollten uns aber mit ihrem missionarischen Eifer und moralischem Getue bitte in Ruhe lassen.

Nun zum Stolz (pride): Ich bin nicht stolz auf meine sexuelle Orientierung. Warum auch? Andererseits will ich anderen ihren Stolz, worauf auch immer, nicht nehmen. Stolz ist eine ganz persönliche Befindlichkeit. Wer das mag, der kann den auch gerne nach außen tragen. Meine Sache ist das nicht.

Ihrer Veranstaltung wünsche ich einen fröhlichen und friedlichen Verlauf und dem Publikum gute Unterhaltung!

Mit freundlichen Grüßen,     Bernd Ulrich

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